ISO 16890, ultrafeine ePM1-Partikel und warum der deutsche Filtermarkt dringend ein Umdenken braucht

Deutschland zählt zu den größten und vielfältigsten Filtermärkten Europas. Es gibt eine enorme Anzahl an Herstellern und Händlern, die Luftfilter für Gebäude anbieten – von einfachen Standardfiltern bis hin zu komplexen Hochleistungsfiltern. Trotz dieser breiten Auswahl steht der deutsche Markt heute vor einem wesentlichen Problem: Ein beträchtlicher Teil der Anbieter kennzeichnet seine Produkte immer noch mit den veralteten EN 779 Klassen wie F7, F9, obwohl diese Norm seit 2018 offiziell zurückgezogen und nicht mehr gültig ist. Viele Installateure, Planer und Gebäudebetreiber vertrauen jedoch weiterhin auf diese alten Bezeichnungen. Dadurch entsteht ein gefährlicher Irrglaube, der sowohl die Gesundheit der Menschen als auch die Energieeffizienz der Gebäude beeinträchtigt.

Der zentrale Fehler besteht darin, dass viele Kunden davon ausgehen, ein „F7-Filter“ sei ausreichend, um gesundheitsschädliche ultrafeine Partikel aus der Luft zu entfernen. In Wahrheit filtert ein reiner F7-Filter gemäß ISO-Analyse häufig nur ePM10 und teilweise ePM2,5, jedoch kaum die kritischsten ePM1-Partikel. Genau diese winzigen Partikel – teilweise kleiner als 1 Mikrometer – sind wissenschaftlich erwiesenermaßen die gefährlichsten. Sie dringen in die Lungenbläschen ein, gelangen in die Blutbahn und können dort zahlreiche gesundheitliche Schäden verursachen. Internationale Studien der WHO, der Europäischen Umweltagentur und führender Universitäten zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen der Belastung durch ePM1-Partikel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen, Alzheimer, Parkinson, Krebs, Asthma und chronischen Atemwegsproblemen.

Um diese Risiken korrekt zu bewerten, wurde die neue globale Norm ISO 16890 eingeführt. Sie misst die reale Filtrationsleistung gegenüber ePM10, ePM2,5 und ePM1 – und nicht mehr mit synthetischen Prüfstäuben wie EN 779. Deshalb ist ISO 16890 die einzige wissenschaftlich belastbare Grundlage, um Filter miteinander zu vergleichen und die Gesundheit der Gebäudenutzer zu schützen.

Dennoch zeigt sich im deutschen Markt ein hartnäckiges Problem: Viele Hersteller geben nur die alte F-Klasse an und verschweigen die entscheidenden ISO-Werte. Ein vertrauenswürdiger Produzent muss seine Filter immer mit der ISO-Klasse kennzeichnen, zum Beispiel “F7 / ISO ePM1 60 %”. Für Gebäude, in denen Menschen täglich viele Stunden verbringen, sollte ein Filter mindestens ISO ePM1 50 % oder höher erreichen. Andernfalls bleiben die ultrafeinen Partikel nahezu ungefiltert – und genau das passiert heute in vielen deutschen Gebäuden. Letztlich sparen Betreiber vermeintlich am Geld, verzichten dafür aber auf realen Gesundheitsschutz.

Hinzu kommt die energetische Komponente. Deutschland investiert massiv in Energieeffizienz, CO₂-Reduktion und nachhaltige Gebäudetechnik. Doch gerade hier werden die größten Fehler gemacht: Jeder Filter erzeugt einen Druckverlust, und je höher dieser ist, desto mehr elektrische Energie muss der Ventilator aufbringen, um die Luftmenge konstant zu halten. Lüftungsanlagen gehören in vielen Gebäuden zu den größten Energieverbrauchern überhaupt – zwischen 25 und 40 % des gesamten Energieverbrauchs. Ein schlechter oder veralteter Filter kann jährlich hunderte Euro an unnötigen Stromkosten verursachen.

Wie groß der Unterschied tatsächlich sein kann, zeigt ein Blick auf reale Laborwerte. Das renommierte RISE-Labor in Schweden hat den Filter Plus ePM1 65 % Taschenfilter getestet. Das Ergebnis:

  • ePM1-Abscheidegrad: 65 %
  • Anfangsdruckverlust: 65 Pa
  • Schlussdruckverlust: 300 Pa
  • Staubspeichervermögen: 1204 g
  • Jährlicher Energieverbrauch: 873 kWh

Wichtig ist: Da Filter Plus derzeit keine Eurovent-Zertifizierung besitzt, darf der Filter nicht mit einer Eurovent-Energieklasse wie A+, A oder B beworben werden. Was jedoch völlig korrekt und transparent ist: der tatsächlich gemessene Energieverbrauch in kWh pro Jahr. Dieser Wert lässt sich sehr wohl mit den Referenzwerten der Eurovent-Norm 4/21 vergleichen, um die Einordnung der Energieeffizienz nachvollziehen zu können – ohne dem Produkt irgendeine Energieklasse zuzuordnen.

Die Eurovent-Referenztabelle zeigt für die Klasse ePM1 60–65 % einen extrem breiten Energieverbrauchsbereich. Während sehr effiziente Filter laut Norm einen Richtwert von rund 850 kWh/Jahr erreichen, verbrauchen energieineffiziente Filter derselben Abscheideklasse etwa 2050 kWh/Jahr. Letzterer Wert dient in diesem Artikel als Vergleichsgröße und repräsentiert einen Filter mit hohem Druckverlust und schlechter Energieperformance – obwohl der Abscheidegrad ePM1 identisch ist. Der Unterschied entsteht ausschließlich durch die Aerodynamik und den Druckverlust des Filters, nicht durch seine Filterleistung.

Vergleicht man den real gemessenen Energieverbrauch des Filter-Plus-Filters mit diesem Eurovent-Beispiel, ergibt sich ein deutlicher Unterschied:
2050 kWh – 873 kWh = 1177 kWh Mehrverbrauch pro Jahr beim Referenzfilter.

Setzt man hierfür einen Strompreis von 0,15 €/kWh an, entstehen folgende jährliche Kosten:

  • Filter Plus: 873 kWh × 0,15 € ≈ 131 € pro Jahr
  • Eurovent-Referenzfilter: 2050 kWh × 0,15 € ≈ 307 € pro Jahr
  • Mehrkosten pro Filter: 176 € jährlich

Viele deutsche Gebäude nutzen 10 bis 50 Taschenfilter in einer einzigen Lüftungsanlage, insbesondere Bürogebäude, Schulen, Kliniken oder Einkaufszentren. Daraus ergeben sich:

  • 10 Filter → 1760 € Mehrkosten pro Jahr
  • 20 Filter → 3520 € Mehrkosten pro Jahr
  • 50 Filter → 8800 € Mehrkosten pro Jahr

Und all dies geschieht, ohne dass der günstigere Filter im Hinblick auf den Gesundheitsschutz irgendeinen Vorteil hätte. Beide Filter erreichen ePM1 60–65 % – jedoch mit völlig unterschiedlicher energetischer Belastung.

Gerade für Deutschland, wo Themen wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Gesundheitsschutz politisch wie gesellschaftlich im Zentrum stehen, sollte dies ein klares Signal sein. Der Einsatz von Filtern ohne ISO-16890-Kennzeichnung oder ausschließlich mit EN-779-Klassen ist nicht mehr zeitgemäß und birgt erhebliche Risiken. Gebäude, die auf moderne Lüftungstechnik setzen, müssen konsequent auf ISO-getestete Filter achten und insbesondere den ePM1-Wert sowie den tatsächlichen Energieverbrauch in kWh/Jahr prüfen.

Die Zukunft der deutschen Lüftungs- und Filtertechnik liegt nicht in alten F-Klassen, sondern in transparenten, wissenschaftlich geprüften Daten. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Innenräume sowohl gesundheitlich als auch energetisch optimal geschützt sind. Und genau das ist die Grundlage moderner Gebäudetechnik: bessere Luft, geringere Betriebskosten und ein nachweislich höherer Schutz der Menschen, die diese Gebäude täglich nutzen.